Kurzgeschichten

Schuld war der Storch

Mein Storch kam soeben aus Grönland. Er hatte sich einen Schnupfen mitgebracht. Und einen bösartigen Husten.

Er hielt mich im Bündel zwischen seinen beiden Schnabelhälften. Wie Störche es zu tun pflegten, wenn sie ein frisch gebackenes Menschenkind zu seinem Bestimmungsort auf die Erde fliegen sollten. Seine Tour mit mir würde nach Berlin gehen. Also, Endstation würde für mich die herrliche Großstadt sein. Grunewald. Wissen Sie, wo es so schön ist. Viel Grün, viel Platz und Eleganz, und überhaupt: Berlin mit Raum zum Leben,

Toleranz,
zahlreichen Möglichkeiten,
reihenweise Tanzschuppen,
massenhaft Kultur.
Ich wollte doch Künstlerin werden. Lebenskünstlerin.

Es kam anders. Ganz anders. Denn mein Storch war ja erkältet. Böse erkältet. Seine Augen tränten und er verflog sich. Oftmals setzte er mich auf einer Wolke kurz ab, entweder um abzuhusten oder sich zu schnäuzen. Zu Letzterem benutzte er den Stoff des Bündels, in dem ich lag. Daher war das Tuch mittlerweile feucht und klebrig. Dann grummelte er sich was in seinen Storchenbart und hob mich röchelnd wieder auf. Ich war seine letzte Tour für den heutigen Tag. Wie gesagt: Berlin.

Nach einem solchen Abhust-Schnäuz-Wolken-Stopp war er urplötzlich verschwunden. Ich sah über den Wolkenrand, um nach ihm Ausschau zu halten, aber er war nirgends zu entdecken. Ich rief um Hilfe. Es klang jedoch nur kläglich und blieb außerdem wirkungslos.

„He, ick will nach Balin! Wo steckste denn?“

Keine Antwort. Kein Flügelschlag war zu hören. Kein Röcheln. Kein Schnäuzen. Grabesstille.

„He, hört mir sonst irjendwer? Kann mich irjendwer mitnehmen, nach Balin? Ick will ja nur nach Balin!“

Kein Schwein antwortete. Auch kein Storch. Nicht mal ein klitzekleiner Piepmatz. Nur ein Düsenjet rauschte mit einem Riesenlärm über mich hinweg. Ich krallte mich an die Wolke, um der Erschütterung standzuhalten.

„Hilfe!“

Vor Schreck machte ich mich nass. Mein Bündel konnte man auswringen.

„Mein Storch hat versagt! Haaallooo!“

Ich brüllte markerschütternd. Schließlich war ich ein Säugling. Die können brüllen.

Da wurde es schlagartig schwarz über mir. Der Himmel verfinsterte sich. Vor Schreck vergaß ich, weiterhin zu brüllen. Ein einziger Lichtstrahl fiel direkt auf mich.

„Was ist das? Ein Menschenkind!“, donnerte es. „Was liegt denn ein Menschenkind auf einer Wolke?“

„Der Storch war schuld“, piepste ich. Doch es trug nicht so hoch in den Himmel hinein.

„Ick wollt ja nur nach Balin!“, piepste ich verzweifelt hinterher.

„Na, dann sende ich einen neuen Vogel zu dem Würstchen!“, donnerte es wieder.

„Hallo! Ick bin keen Würstchen! Ick bin ne kleene Lady!“, krächzte ich. Doch wurde ich da oben scheinbar nicht gehört.

Der Himmel hellte sich wieder auf und ich spürte ein nahendes Flügelschlagen.

„Hier! Hier bin icke!“

Ein Riesenvogel landete auf meiner winzigen Wolke, die daraufhin gehörig ins Wanken geriet.

„Kak Kak Kak“, rief er und ich wusste Bescheid: ein Geier! Oje! Und der soll mich nach Berlin fliegen? Wie will der denn mein Bündel mit seinem viel zu kurzen Schnabel halten?

Heftig bewegte ich mich. Geier sind Aasfresser, und ich wollte zeigen, wie lebendig ich war. Sicherheitshalber brüllte ich auch ein bisschen.

„Ick bin och keen Würstchen, wie der Boss da oben jesacht hat. Ick bin ne kleene Lady und ick jehör nach Balin, weeste? Vastehste det? Balin! Weeste denn, wo Balin is?“

„Kak Kak Kak“, sagte der wieder nur.

Na, det konnt ja heiter werden. Da flog er kurz hoch, packte mein Bündel mit seinen Greif-Zehen und ab ging es durch die Wolken.

„Kak Kak Kak.“

Jajaja, hoffentlich kackt der mir nicht aufs Bündel. Es wäre genau in meiner Flugschneise passiert.

An Unterhaltung mit ihm war wohl nicht zu denken. Na, Hauptsache, er verfliegt sich nicht, leidet nicht an Husten und Schnupfen und lässt mich über dem Grunewald fallen. Bin ich ja zufrieden.

Berlin. Endlich Berlin.

Ich konnte schon ganz gut Berlinern. Das kam vom Dialekt-Seminar. Im Himmel ist es Pflicht, alle frischgebackenen Säuglinge zu solcherlei Schulungen zu schicken. Damit sie für ihre Familien landestypisch brüllen lernten. Ich war irgendwie anders eingeteilt, aber ich schlich mich ohne Probleme beim Berlin-Training hinein.

„Det war dufte“, sagte ich, doch den Geier kümmerte es nicht. Ich konnte schon gut meinen Dialekt sprechen, nur ich dachte noch immer hochdeutsch.

Der Geier flog und flog, schmetterte ab und zu sein „Kak Kak Kak“ in die Lüfte, hielt mich im Bündel aber unbeirrbar in seinen Krallen. Es zog etwas. Mein Tuch war ja nun ziemlich nass und ich befürchtete bereits, gleich mit einer Blasenentzündung das Leben auf der Erde beginnen zu müssen. Na, Mahlzeit. Jedoch würde man ja mit mir in der Sonne, gut eingepackt, schön um den Grunewald-See herumspazieren. Mir ein Teechen kochen und mich so behaglich auf dem Arm durch sämtliche Stockwerke des prachtvollen Hauses und den weitläufigen Garten tragen. Da würde ich rasch wieder gesund. Es bereitete mir keine ernsthaften Sorgen.

„Kak Kak Kak“, schreckte mich der elendige Geier aus meinen Träumen hervor. „Kak Kak Kak“, er kriegte sich gar nicht mehr ein. Hatte er irgendwo einen Kadaver entdeckt und würde mich schnöde fallenlassen, um seiner Geiernatur zu frönen? Schließlich gehörte er zur Gattung der natürlichen Müllabfuhr. Der fraß alles. Er sah kurz zu mir herunter und plötzlich bekam ich mit, dass wir spürbar an Höhe verloren. Hey, waren wir gleich in Berlin?

„Balin, ick komme! Mit Vagnüjen! Mit Vagnüjen!“

Der Aasfresser ließ mein Bündel los, flog auf und davon und ich fiel und fiel und fiel.

„Det is die Baliner Luft, Luft, Luft, so mit ihrem holden Duft, Duft, Duft …“ brüllte ich lauthals. Bis ich mit dem letzten „Duft“ meine Umgebung wahrnahm. He, wo war der Funkturm? Hier war nur ein Förderturm! Wo war der Ku´damm? Hier war nur ein vergammelter Bahndamm! Wo das Brandenburger Tor, der Reichstag, die Museumsinsel? Ich sah das Centro, die Marktstraße, den Gasometer! Wo ist der Zoologische Garten? Ich sah nur den Kaisergarten, die Hängebauchschweine hatten gerade Nachwuchs bekommen.

„Det is doch nüscht Balin! Hey, du elender Geier, komm sofort zurück!“ Die letzten Flugmeter legte ich nur noch krächzend zurück. Ich hatte es erfasst: ich war im Ruhrgebiet! Der Vogel hatte es nicht geschafft. Zuerst diese Flachpiepe von Storch mit seinem grippalen Infekt dann dieser tumbe Geierkaker! Ruhrgebiet, ich war im Pott gelandet! Darüber hinaus würde mich niemand verstehen, ich brüllte ja im falschen Dialekt.

Nun konnte ich mein Leben lang teure Bahnfahrten bezahlen, hätte horrende Hotelkosten, nur um dorthin zu gelangen, wo ich eigentlich hingehörte. Ich fragte mich schlagartig: Werde ich im Pott nun zur Lebenskünstlerin?

„He, icke bin Balina!“

Pippi Kompressionsstrumpf

Ja, von Pippi ist die Rede. Pippi Langstrumpf.

Aber das ist lange her.

Pippi ist nun mittlerweile neunzig, daher ihr leicht veränderter Nachname. Gut, etwas sperrig, doch so steht es an ihrem Haus. Ja, sie trägt tatsächlich Kompressionsstrümpfe und kann über derlei, etwas lästige Kleinigkeiten, ja nur lachen. Lauthals. Ihr Humor und ihr Lachen sind geblieben. Und ihre weiterhin lustigen Sommersprossen haben sich in jede ihrer tausend Lachfältchen zurechtgelegt.

Nun, diese Strümpfe geben ihr einfach mehr Halt auf der Erde, schließlich ist sie immer noch so klapperdürr, und das Alter hat sie auch ein wenig, nur ein ganz klein wenig, naja, schrumpfen lassen, sodass sie auf die Strümpfe lieber nicht verzichtet, da diese ihre dünnen Beinchen nicht so leicht einknicken lassen.

Sie lässt sich Beinstulpen stricken, von den Damen des Ortes, denen dieses Rätsel des Wollfädenverbindens längst nicht mehr rätselhaft, sondern geläufig ist. Also so ziemlich allen Frauen, außer Pippi selbst. In Ringelmustern selbstverständlich. Die zieht sie über ihre Kompressionsstrümpfe, natürlich niemals ein passendes Paar, sondern stets eine wilde Mischung an Ringeln. Sie macht immer noch mit Begeisterung das, was andere nicht machen. Und es würde niemand, wirklich niemand, wagen, Frau Kompressionsstrumpf zu ihr zu sagen. Nein, die älteren Dörfler kennen ihre Superkräfte und hüten sich, ihr zu nahe zu kommen.

Wenn man die Klingel bei ihr läutet, äh … hatte Pippi früher eine Klingel an ihrer Villa Kunterbunt? Nun, jetzt hat sie eine, eine sehr laute Klingel, weil sie nicht mehr so gut hört. Also, wenn man bei ihr die Klingel läutet, am besten Sturm, sollte man anschließend ein wenig zurücktreten von der Tür, denn Pippi hat einen Kommen-Sie-ins-Altenheim-Werbe-Flyer-Tick entwickelt. Seitdem sie bereits dreimal aus ihrem tiefen Ohrensessel hervorgeklingelt wurde, nur um einen ebensolchen Kommen-Sie-doch-schleunigst-ins Altenheim-Werbe-Flyer mit besten Grüßen irgendeiner Heimleitung in die Hand gedrückt zu bekommen, kippt sie aus dem Fenster über der Haustür schon mal einen Eimer Wasser auf den oder die Untenstehenden. Nur so zur Vorsicht.

Aber sonst geht es ihr gut. Sie hinkt etwas, wahrscheinlich wurde sie von ihrem Kleinen Onkel, also, ihrem weißen Pferd mit den dunklen Punkten, dann doch irgendwann einmal abgeworfen. Vielleicht ist sie auch nur heruntergerutscht und nicht gerade sanft auf dem Acker gelandet, sodass sich eine Hüftbeschwerde bei ihr eingenistet hat. Aber ansonsten ist sie topfit.

Ja, die Augen, aber dafür gibt es ja Brillen.

Pippi hat eine zum Lesen, eine zum Einkaufen, eine zum Gemüseputzen, eine zum Kartoffelschälen, eine zum Haus putzen mit den Bürsten unter den Füßen und eine, um eben den Kleinen Onkel zu putzen. Und eine zum Kinogucken. Die zum Kinogucken ist ihr sehr wichtig. Dorthin geht sie regelmäßig mit Annika.

Ja, Annika wohnt noch immer in ihrer Nähe, sie sehen sich häufig, manchmal nur, um einen heißen Schokoladenbecher zu trinken. Nun auch mit einem ordentlichen Schuss Rum in der Tasse.

Tommy ist schon längst unter der Erde, hach, Männer sterben ja immer so früh!

Was war das für eine lustige Beerdigung! Kleiner Onkel, also, das weiße Pferd mit den dunklen Punkten, nein, nicht der Kleine Onkel, sondern so gesehen Kleiner Onkel, der Zweite, sozusagen, der Sohn vom großen Kleinen Onkel, dem Ersten.

Also, Kleiner Onkel, der Zweite, zog den Sarg bis zum Grab und Tommy plumpste in seiner Kiste in die offene Grube. Annika und Pippi sangen ihm zu Ehren das Pippi-Langstrumpf-Lied ihrer Kindheit, mit ihren ach, so dünn gewordenen Stimmchen und genehmigten sich dann einen guten Schluck Rum aus der Buddel, die noch von Käpt´n Efraim Langstrumpf, Pippis Vater, stammte.

Sie gingen dann noch zu zweit in eine kleine Kneipe, eine größere Leichenschmaus-Feier mit belegten Brötchen oder gar Streuselkuchen hätte sich nicht gelohnt, waren doch kaum noch Leute ihres Alters da. Und so gönnten sie sich nur einen mittelgroßen Absacker in der Kneipe „Zum Heini“, wobei auch Heini schon lang nicht mehr lebte und die Kneipe eigentlich „Zur Heidi“ hätte heißen müssen, denn Heinis Frau lebte noch und stand hinterm Tresen.

Ja, sie lebte noch zum Zeitpunkt der Beerdigung, nicht ihrer Beerdigung, nein, der von Tommy. Man sah es manchmal an ihrem Augenblinzeln, dass sie noch lebte, aber nur, wenn man genau hinsah. Sie bewegte sich nicht mehr so häufig, warum auch, wozu auch? Das Zapfen hatte sich erledigt, das Angebot bestand nur noch aus Flaschenbier und die drei Pullen des Tages, die sie verkaufen würde, standen direkt hinter ihr im Kühlschrank. Der Schnaps daneben und Wein gab es nicht mehr, wer trank den noch? Bei ihr niemand. Tommy war der Letzte gewesen. Jetzt war Schluss damit. Mit Heidi dann auch bald.

Aber weiter mit Pippi. Pippi Kompressionsstrumpf.

Wie gesagt, geht sie gern mit Annika ins einzige Kino des Dorfes. Nachmittags, damit sie fürs Traumschiff wieder zu Hause sind. Und der Film ist auch nicht so wichtig. Der im Kino, nicht der vom Traumschiff.

Wichtig ist den beiden Hochbetagten das ganze Drumherum. Das Kartenkaufen an der Theke, wobei es selbst in ihrem abgelegenen Dorf keinen Kartenverkaufsschalter mehr gibt, in dem hier früher immer das nette, ältere Fräulein Schuster gesessen hatte, dem es immer so wichtig gewesen war, als Fräulein angesprochen zu werden. Und ihnen gegen ein paar schwedische Pfennige die schön gestalteten Kinokarten gab.

Ja, lange her.

Dann freuen sie sich, besonders Pippi freut sich, auf einen Rieseneimer Popcorn!

Pippi hätte für Popcorn sterben mögen. Annika muss ihr versprechen, später einmal Popcorn an ihrem Grab zu futtern und ihr etwas davon in die Grube zu streuen.

Dann dürfen sie vom kleinen Foyer in den Kinosaal treten, der sich natürlich ebenfalls der Zeit angepasst hatte, aber nicht so sehr wie vorn das neue Foyer. Dafür hatte wohl das Kulturfördergeld nicht mehr gereicht. Hier waren noch einige bröckelige Stellen im Stuck der Decke zu sehen, die es damals bereits gab. Und vielleicht wären oben auf dem Balkon, ins Holz der Balustrade eingeritzt, zu lesen gewesen: Pippi und Tommy. Pst, Annika weiß es nicht!

Pippi und Tommy hatten sich mal … damals, im Kino … als ein sehr düsterer Film lief … während einer sehr düsteren Szene … während eine sehr düstere Stimme sprach …

und dann trug Tommy einmal sein Taschenmesser dabei und ritzte in das Holz … und so war das entstanden.

Hach, Annika sollte es nie wissen, sie war doch immer so anständig, herrje.

Pippi lächelt lieber in sich hinein und genießt das kleine Geheimnis.

So beginnt das Vorprogramm, und in der kleinen Pause vor dem Hauptfilm kaufen sie beide ein Hörncheneis bei der netten Dame mit dem Eiskorb. Früher war es ein Bauchladen gewesen, ach ja. Aber sie saßen glücklich in dem neuen, alten Kinokasten.

Übrigens, Pippis Superkräfte sind ja erstaunlicherweise erhalten geblieben. Zu einer ihrer Vorlieben hat sich das SUV-Umparken aus der unerlaubten zweiten Reihe entwickelt.

Doch stellt sie die Riesen-Blechkisten keinesfalls in erlaubte Parkzonen. Nein, denn, Strafe muss sein, alle übereinander. Dazu fährt sie mit Annika gern in die nächste Kreisstadt, wo so richtig viel Rummel herrscht. Ihre Freundin muss stets mit laufendem Motor in ihrem klapprigen Fiat 500 auf sie warten, sodass sie anschließend schnell wegkommen. Das Schnelllaufen ist ja nicht mehr Pippis Stärke. Dann lacht sie schallend aus dem Wagenfenster über die wild gestikulierenden Autofahrer.

Wo war ich? Oh, ich habe etwas den Faden verloren …

Ach ja, also, wenn man die sehr laute Klingel an Pippis Villa Kunterbunt läutet, am besten noch mit den Fäusten gegen die Tür schlägt, damit sie es auch ganz bestimmt hört, freut man sich noch immer auf ihr sommersprossenfaltenlachendes Gesicht mit den jetzt dünnen Zöpfen und erwartet wie immer noch eine haarsträubende Abenteuergeschichte aus dem Takatukaland von ihr, das noch immer ungebremst in ihrem Kopf herumspukt.

Hach, und sie würde es sich verbitten, in ihrer Gegenwart ständig von einem „noch immer“ sprechen zu hören..

Ach, gäb es doch nur mehr Pippi Lang- oder Kurz- oder Kompressionsstrümpfe, mit den Stulpen darüber. Sie wissen schon, die mit den Ringelmustern. Ach ja …